Welten aus Schnee und Eis

Viele empfinden den Winter eher als unangenehm. Mit den kurzen dunklen Tage können sie nichts anfangen und Schnee gilt als lästiges Übel, weil er im Alltag nur Probleme macht. Hin und wieder hört man auch von einer völlig leblosen oder überflüssigen Jahreszeit.

Ich sehe das dagegen ganz anders. Jede Jahreszeit hat ihren Reiz. Schnee und Eis sind etwas völlig normales in der Natur. Es ist Wasser, das bei Temperaturen unter Null Grad in den festen Agregatzustand übergegangen ist. Leider haben die meisten nur noch ihren (selbstgemachten) stressigen Alltag im Kopf, und haben mittlerweile völlig vergessen, wo sie eigentlich entstanden und hergekommen sind - nämlich auch aus der Natur.

Wir sind zwar nicht für große Kälte geschaffen, und ohne starken Schutz könnten wir in kalten polnahen Regionen nicht lange überleben. Dennoch zaubern Eis und Schnee in Verbindung mit dem Wind einmalige und von Menschenhand nie zu erreichende Kunstwerke. Auf den Fotos der Polarfotografen kann man diese z. B. bewundern. Hier zeigt sich eine völlig fremde Welt, die mit der bekannten nicht mehr das geringste zu tun hat: Kein Haus, kein Baum und kein Strauch, sondern eine endlose Weite aus Schnee und bizarren Eisstrukturen.

In den seltenen Eiswintern kann man auch hierzulande in Schleswig-Holstein arktische Anblicke sowie viele Schnee- und Eisstrukturen im kleineren Maßstab sehen, man muß nur genau hinsehen, und sich gut gegen die Kälte schützen!


schneeebene3.jpg

Beispiel eines arktisch aussehenden Fotos


Der Nordpol (Arktis) ist im Gegensatz zum Südpol (Antarktis) kein Festland, sondern eine schwimmende Eisdecke. Ich war noch nie dort, habe aber aufgrund von Fotos aus Büchern und dem Internet einen Eindruck von diesen Regionen bekommen: Eine schier endlose und schneebedeckte Weite, eine Welt aus Schnee und Eis eingehüllt in klirrender Kälte. Dort herrscht abgesehen von Schneestürmen eine unmenschlich wirkende Ruhe und tiefste Einsamkeit.

In dem Buch "Die Antarktis lebt - eine faszinierende Reise ins ewige Eis" findet man viele Kommentare der vier Autoren Ron Naveen, Colin Monteath, Tui de Roy und Mark Jones. Sie waren besonders von dem Abendlicht der tief stehenden Sonne fasziniert, welche die vereiste Landschaften mit einem geradezu überirdisch sanften Licht überziehen. Bei solchen Anblicken wie z. B. eines Sonnenunterganges mit dem sich im vereisten Lemairekanal spiegelnden Abendlicht sollen sich Herz und Sinne des Menschen völlig öffnen, um die Schönheit der Natur ganz in sich aufzunehmen...

Auch die unendliche Stille dort wurde von ihnen betont, die man in ruhigen Phasen, wenn sich der Wind mal legte, fast körperlich spüren konnte. "In dieser unendlichen Stille hat man das Gefühl, nicht mehr ein passiver Beobachter zu sein, sondern ein Teil dieser lebenden Eiswelt selbst".


eiswelt1.jpg   eiswelt3.jpg

Solche Eiswelten gibt es auch hier, wenn auch sehr selten


Diese Eiswelt hat eine unmenschliche Faszination. Und sie ist auch nur scheinbar starr, denn in Wahrheit lebt sie. Eisschollen treiben von der See gegen die Festlandküste oder auf anderes Eis und bilden bizarre Auf- oder Überschiebungen. Von den großen Gletschern des antarktischen Festlandes brechen an der Grenze zum Meer immer wieder riesige Eisteile ab, die ins Meer fallen und als Eisberge herumtreiben. Im Herbst frieren diese oft in dem sich rasch bildenden Packeis ein und werden erst im Sommer aus dem dann schmelzenden Packeis befreit. Und der Wind bewegt ständig Schnee und schafft so wahre Kunstwerke an Strukturen.


Eis

Der Gefrier- oder Schmelzpunkt von Wasser liegt normal bei 0 Grad C. Bei dieser Temperatur kristallisiert Wasser zu Eis und bildet hexagonale Kristalle aus. Daher wird Eis zu den Mineralien gezählt und zwar zur Klasse der Oxide. Die Dichte von Eis ist mit 0,917 Gramm pro Kubikzentimeter geringer als die von flüssigen Wasser, welches eine Dichte von 1 Gramm pro Kubikzentimeter hat. Daher dehnt sich Wasser beim Gefrieren aus (Gefäße können platzen) und Eisschollen schwimmen auf dem Wasser, da sie leichter als flüssiges Wasser sind. Durch den direkten Übergang vom gasförmigen in den kristallinen Zustand (Resublimation) entstehen bei Temperaturen unter 0 Grad C direkte Eiskristalle in Form von Reif oder Rauhreif.

Durch hohen Druck von z. B. übergelagerten Eismassen entsteht kompaktes Eis, das fast keine Luft mehr enthält. Dieses erscheint durchsichtig und oft in bläulicher Farbe. Daneben gibt es auch Eis, das in grünlicher Farbe leuchtet. Für die grünliche Farbe scheinen feine Partikel verantwortlich zu sein, die im Eis eingeschlossen sind, aber ganz genau weiß man das noch nicht.


Meereis

Das salzhaltige Meerwasser hat einen niedrigeren Gefrierpunkt als reines Wasser, welches bei 0 Grad C gefriert. Der genaue Gefrierpunkt von Meerwasser hängt vom Salzgehalt ab - er liegt im Durchschnitt bei -1,9 Grad C. Wenn Meerwasser gefriert, wird das Salz nicht in den Eiskristallen eingebunden, sondern an das Meerwasser abgegeben. Meereis ist daher gefrorenes Süßwasser.

In der westlichen und südlichen Ostsee kommt in kalten Winter mit andauernden Frost ein Eistyp besonders oft vor: Es ist das Pfannkucheneis, auch Tellereis genannt. Es besteht aus ovalen Eisstücken, die 20 Zentimeter bis 3 Meter im Durchmesser haben können. Wie bildet sich solch ein Eis?

Bei länger anhaltender Kälte bilden sich zuerst an der Meeresoberfläche feine, nur Millimeter große Eisnadeln. Später wachsen diese bei anhaltender Kälte zu einer suppenartigen Schicht zusammen, die man als Eisschlamm (Grease Ice) bezeichnet und sich an der Wasseroberfläche befindet. Aus diesem Eisschlamm bilden sich bei Vorhandensein von Seegang und weiter anhaltender Kälte pfannkuchenförmige Klumpen, die langsam größer werden, so daß sich das bekannte Pfannkucheneis bildet. Bei völlig ruhigen Wasser ohne Seegang würde sich dagegen eine geschlossene Eisschicht bilden.

Die einzelnen Schollen des Pfannkucheneises werden bei weiter anhaltender Kälte langsam immer größer und verschmelzen am Ende zu einer geschlossenen Eisdecke.

Eine beginnende Meereisbildung habe ich an der Ostsee im Januar 2001 gesehen und auch fotografiert, die dann allerdings rasch wegen milderen Wetters abgebrochen wurde. Im Januar 2010 konnte ich am Ostseeufer endlich eine Meereisbildung bis zur Entstehung von großen Pfannkucheneis miterleben.


Meereisbildung am Ostseeufer im Januar 2010


eisbildung01.jpg   eisbildung02.jpg

Eisschlamm


eisbildung03.jpg   eisbildung04.jpg

Beginnende Verklumpungen


eisbildung05.jpg   eisbildung06.jpg

Beginnende Pfannkucheneisbildung


eisbildung07.jpg   eisbildung08.jpg

Kleines Pfannkucheneis


eisbildung09.jpg   eisbildung10.jpg

Mittleres bis großes Pfannkucheneis


eisbildung11.jpg   eisbildung12.jpg

Großes Pfannkucheneis (links)
Pfannkucheneis mit beginnenden Aufschiebungen (rechts)


Man hat in der Antarktis etwa 80 verschiedene Formen von Eis gefunden: Weißes Eis, blaues Eis, grünes Eis, milchiges Eis, Eisblumen, Eisnadeln, Eisnebel, Pfannkucheneis, Eisschollen, Haufeneis und Packeis.


Eisüberschiebungen

Bewegt ich Treibeis gegen andere Treibeisschollen oder gegen eine größere Eisschicht, wird es auf diese aufgeschoben. Man spricht hier hier auch von Auf- oder Überschiebungen. Das gleiche passiert, wenn sich Treibeis gegen eine Küste bewegt. Durch die immer geringer werdende Wassertiefe wird das Eis an der Küste auf das Festland geschoben, nach oben gedrückt und staut sich dort. Dabei bilden sich oft sogenannte Presseisrücken.


eisueberschiebung1.jpg   eisueberschiebung2.jpg

Überschiebung von kleinen Eisschollen (links)
Eisüberschiebung an der Küste (rechts)



Presseisrücken

Bei einer Eisüberschiebung türmen sich Eisschollen auf. Es entstehen sogenannte Presseisrücken, auch Presseishügel genannt. Sie können Höhen von mehreren Metern erreichen, manchmal auch mehr. Sehr hohe Presseisrücken bezeichnet man auch als Eisbarrieren.


presseisruecken1.jpg   presseisruecken2.jpg

Typische Presseisrücken, hier im Februar 1986


Presseisrücken bilden bizarre Formen. Sie sehen aus wie Minigebirge auf einer ebenen Eisfläche. Durch die Aufschiebungen der Eisschollen ragen diese oft steil nach oben aus der Eisfläche heraus.


eisueberschiebung3.jpg

Bei einer Überschiebung wird das Eis nach oben gedrückt, wodurch in einem steilen Winkel aus dem Boden aufragendende Eisplatten oder -stücke entstehen.


Presseisrücken kommen an den Polen sehr häufig vor, sind aber in Eiswintern auch hier besonders an den ufernahen Bereichen der Ostsee zu sehen.

Soweit ich das richtig einordnen kann, ist die große Eiswand vom Februar 1986 in der Hohwachter Bucht ebenfalls ein durch eine Überschiebung entstandener sehr hoher Presseisrücken gewesen. Er entstand, als das Treibeis von der Ostsee gegen die Küste getrieben ist, und direkt am Strand eine bis zu 10 Meter hohe Wand aus Eisschollen aufgetürmt hatte.


eiswand1.jpg   eiswand2.jpg

Die große Eiswand im Februar 1986 in der Hohwachter Bucht


Schnee

Wenn sich in den Wolken feine unterkühlte Wassertropfen an Kondensationskeimen wie z. B. Staubteilchen anlagern und dort anfrieren, bilden sich ebenfalls Eiskristalle. Durch Resublimation des in der Luft vorhandene Wasserdampfes wachsen diese Kristalle langsam an und bilden sechseckige Formen aus, die wir als Schneekristalle kennen. Auch Schneeflocken haben die typische hexagonale Kristallstruktur.

Schneekristalle können auch verdunsten. Diesen Vorgang bezeichnet man als Sublimation (der direkte Übergang vom festen in den gasförmigen Zustand). Bei sehr niedrigen Temperaturen, wenn die Luft kaum noch Feuchte enthält, können sich nur noch kleine Schneekristalle bilden, die man auch als Schneegriesel bezeichnet. Die bekannten großen Schneeflocken entstehen immer bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und hoher relativer Luftfeuchte.

Bei sehr niedrigen Temperaturen von -20 Grad C oder weniger geht die geringe Feuchtigkeit der Luft durch Resublimation meist sofort in feine Eiskristalle über. Da die Luft in Bodennähe am kältesten ist, entstehen diese feinen Eiskristalle meist nur in geringer Höhe. Man sieht dann, wie sich scheinbar aus dem Nichts bei blauen Himmel feine Eiskristalle bilden. Man bezeichnet diese auch als Polarschnee.


Schnee und Wind

Wird liegender Schnee von starken Wind oder Sturm horizontal transportiert, bilden sich Schneewehen. Diese können sich überall bilden, besonders aber an Hindernissen wie Hügel oder Erhebungen in der Landschaft, aber auch auf freien Flächen.


schneewehen1.jpg   schneewehen2.jpg

Schneewehen (links) bilden oft bizarre Formen (rechts)


Schon als Jugendlicher haben mich bei Schnee und Ostwind die bizarren Formen fasziniert, in denen der Wind den Schnee ablagert, z. B. im Februar 1987, als sich bei stürmischen Ostwind und Schneetreiben auf der Treppe des Nachbarn kleine aber bizarre Schneewehen gebildet haben.


schneewehen3.jpg

Kleine Schneewehen im Februar 1987 auf der Treppe;
solche Formen bekommt nur der Wind hin!


Später lernte ich noch weitere Formen kennen. Die Formenvielfalt, welche der Wind auf Schneeflächen erzeugt, ist gewaltig. Da gibt es z. B. die bizarren runden Formen der Schneewehen mit ihren typischen Abtropfungen, linienförmige Strukturen und Schichtstrukturen, platten- oder terrassenförmige Strukturen, Riffeln, Kanten und Wellen. Die folgenden Bilder zeigen einige Beispiele.


schneestrukturen01.jpg   schneestrukturen02.jpg

Schneestrukturen durch den Wind


schneestrukturen03.jpg   schneestrukturen04.jpg

Schichtstrukturen durch den Wind


schneestrukturen05.jpg   schneestrukturen06.jpg

Terrassenförmige Schneeablagerungen durch den Wind


schneestrukturen07.jpg   schneestrukturen08.jpg

Schneewellen (links) und Schneeberg (rechts)


Solche Schneestrukturen kann man am besten an Orten sehen, wo sie unberührt bleiben und nicht gleich plattgetrampelt oder plattgefahren werden, z. B. auf dem Land etwas abseits der Straßen.

© Copyright: 2010-2016 Mario Lehwald