Die Idee

Schleswig-Holstein ist überwiegend maritim geprägt, d. h. kühle Sommer und milde Winter herrschen hier vor. Anhaltender Frost und Schnee, der längere Zeit liegenbleibt, sind hier selten. Dennoch gibt es hier gelegentlich Winter, wo längere Zeit Schnee liegt. Besonders in den Eiswintern 1985, 1986 und 1987 war die Ostsee am Randbereich zugefroren. Als Jugendlicher machte ich damals mit meiner Spiegelreflexkamera einige Male Fotos von dem Eis.

Besonders eindrucksvoll erinnere ich mich an die große Eiswand 1986 in der Hohwachter Bucht. Im Februar 1986 fand ich als Jugendlicher einen Zeitungsartikel mit der Information, daß sich in der Hohwachter Bucht eine über 10 Meter hohe Eiswand aufgetürmt haben sollte. Ich fragte meine Eltern, ob wir da am Sonntag mal hinfahren könnten, was zugesagt wurde. Es herrschte sonniges und kaltes Winterwetter, und ich nahm meine Spiegelreflexkamera mit. Nach einigem Suchen fanden wir die besagte Eiswand, auf welche die Sonne später ihr rötliches Abendlicht warf. Ich fotografierte damals einen ganzen Kleinbildfilm voll. Diese Bilder sind heute noch mit die besten, die ich jemals gemacht habe - bizarre Welten aus Eis und Schnee bis zum Horizont.


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Die große Eiswand im Februar 1986 in der Hohwachter Bucht


Die Bilder und das Erlebnis der weiten Eisfläche und dieser gewaltigen Wand aus Eisschollen vom Februar 1986, die an dem klaren und sonnigen Nachmittag im Licht der untergehenden Sonne orange glühte, prägte sich tief in mir ein und kam in jedem Winter wieder zum Vorschein.

Obwohl ich recht kälteempfindlich bin (schnelles Frieren usw.), überwinde ich das bei Schnee zumindest eine kurze Zeit und mache jedesmal Fotos, wenn es hier schneit. So sind im Laufe der Zeit viele Fotos mit oft den gleichen Landschaften im Schnee oder Rauhreif zusammengekommen.

Anfang der 90er Jahre habe ich mir das tolle Bilderbuch "Die Antarktis lebt - eine faszinierende Reise ins ewige Eis" zugelegt. Besonders um die Weihnachtszeit, wenn diese wie so oft mal wieder schneelos ist, wurde an manchen Abenden dieses Buch hervorgeholt. Obwohl ich noch nie nördlicher wie Dänemark war, bekam ich aus diesem Buch einen Eindruck, wie es an den Polen aussieht.

Anfang 1996 gab es nach längerer Zeit wieder einen Eiswinter mit Eisschollen auf dem Nord-Ostsee-Kanal und einer fast zugefrorenen Förde. Ich fotografierte einige Dias und nahm oft die 8-mm Videocamera mit.

Seit 2004 fotografiere ich digital, und so kam schnell der Wunsch, Eisbilder wie 1986 digital zu machen. Allerdings stand die Frage im Raum, ob ich so etwas hier nochmals wieder zu sehen bekommen würde, da die Winter ja angeblich langsam wärmer werden sollen...?

Schließlich kam der Winter 2009 / 2010, der hier in Schleswig-Holstein wieder einer von der kälteren Sorte mit wochenlangen Dauerfrost und einer bis zu 60 Zentimeter hohen Schneedecke war! Am 30. Januar 2010 war ich an einem klaren sonnigen Winternachmittag nördlich von Kiel unterwegs, um wieder Winterfotos zu machen. Hier beeindruckten Schneehaufen am Wegrand, die so stark mit verwehten Neuschnee bedeckt waren, daß man eher den Eindruck von natürlichen Schneebergen in einer weiten Polarlandschaft hatte. Ich ging mit der Kamera an die bizarren Schneehaufen heran und senkte den Aufnahmestandort so weit nach unten, so daß nur noch Schnee und Himmel auf das Bild kamen, aber keine Bäume, Häuser oder Sträucher.


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Schneehaufen wie arktische Landschaften...


Die so entstandenen Fotos sahen wirklich aus wie arktische Landschaften. Als die Sonne langsam unterging und die Schneehaufen in ein fast überirdisch sanftes und rosanes Licht eintauchte, erinnerte ich mich sofort an die eindrucksvollen Fotos in dem Buch über die Antarktis. Das letzte Detail wäre gewesen, wenn über dieser im Abendlicht rosa leuchtenden Schnee- und Eiswelt noch der Mond aufgegangen wäre. Solche Anblicke einer dem Alltag völlig fremden polaren Schnee- und Eiswelt sind eine ganz neue Erfahrung und haben etwas besonderes. Auf jeden Fall wollte ich weitere solcher Fotos machen.

Am nächsten Tag kam mir eine neue Idee: Im Februar 1994 hatte ich in den Hüttener Bergen bei Schnee Fotos gemacht. Darunter war auch ein Foto, das am Fuß eines Hügels entstand und ein baumloses, schneebedecktes Feld zeigte, welches in der Ferne den Himmel schnitt. Um ein solches Foto zu machen, braucht man aber erstmal eine ähnliche Landschaft, also begann ich danach zu suchen.

Ich fuhr nordöstlich von Kiel auf die Landstraße, die Rathmannsdorf und Altenholz verbindet. Nordöstlich dieser Straße gibt es eine freie und leicht geneigte Fläche, wo man nach Nordosten blickend bis zum Horizont keinen Baum sieht, sondern ausschließlich Schnee und Himmel. Diese Gegend war für mein Vorhaben ideal. Die hier entstandenen Fotos, meist mit leichtem Zoom, machten einen ähnlichen Eindruck, wie man ihn am Nordpol hätte: Eine scheinbar unendlich reichende Weite aus Schnee.

Ich erinnerte mich an einem Satz, den mir meine Lehrerin in der Hauptschule einmal sagte, als ich ein Bild von einem Ort am Nordpol malen sollte. Ich malte natürlich auch Bäume mit drauf, aber dann sagte meine Lehrerin: "Am Nordpol gibt es übrigens keine Bäume, sondern -nur- Schnee".


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Weite Ebenen mit einer hohen Schneedecke sehen aus arktische Weiten...


Wegen meiner Teilzeittätigkeit hatte ich immer einige freie Tage. Diese nutzte ich um nachmittags weitere Fotos im Polarstil zu machen. Nach einer gezielten Suche fand ich an der Landstraße zwischen Eckernförde und Owschlag am südöstlichen Rand der Hüttener Berge eine weitere leicht geneigte Ebene, wo der Boden in der Ferne direkt den Himmel schneidet. Diese zeigte im Gegensatz zum vorigen Standort aber nach Südwesten, so daß ich hier auch die tiefstehende Wintersonne über einer scheinbar endlosen weißen Weite ablichten konnte.

Ziel dieser Fotos war es, den Eindruck einer Welt zu erhalten und abzubilden, die nur noch gänzlich aus Schnee und Eis zu bestehen scheint, ähnlich wie am Nordpol.


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In der Arktis?


Die scheinbare Leere und unendliche Weite auf den Fotos läßt schwächste Details hervortreten, die normalerweise kaum auffallen: Zarte Muster und Strukturen im Schnee oder die sanften Schatten von kleinen dünnen Wolken. Und beim Vorhandensein von dunklen Wolken scheint die endlose Schneeweite im Kontrast dazu regelrecht zu glühen! In Verbindung mit Wolken wechseln Licht und Stimmung sogar in Minuten.

Sehr interessant sind auch die zahlreichen Formen, die der Wind im Schnee erzeugt: Die bizarren runden Formen der Schneewehen mit ihren typischen Abtropfungen, linienförmige Strukturen, Schichtstrukturen, platten- oder terassenförmige Strukturen, Riffeln, Kanten und Wellen. Diese lassen sich an Sonnentagen hervorragend fotografisch erfassen und studieren.

Zum Abend hin wechselt das Licht langsam und wird immer sanfter. Gelbe, später orange und rosa Farbtöne legen sich über die weiße Landschaft und bringen diese regelrecht zum Glühen.

Da im weiteren Verlauf des Februars 2010 der Dauerfrost nicht abbrach, bildete sich auf dem Nord-Ostsee Kanal und im Uferbereich der Ostsee teilweise dickes Treibeis. Im Bereich des Bülkers Leuchtturms und an der Eckernförder Bucht konnte ich, manchmal sogar bei Sonne und blauen Himmel, viele faszinierende Aufnahmen von Eis und Eislandschaften machen. Details wie Bruchstrukturen und kleinere Eisauf- oder überschiebungen wurden aus der Nähe fotografiert.


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Eis in der Arktis?


An den freien Tagen und an den Wochenenden war ich praktisch jeden Tag unterwegs, und bin den ganzen Nachmittag mit der Kamera in Eis und Schnee herumgeturnt. Aufgrund meiner Kälteempfindlichkeit war das manchmal nicht so leicht, aber wenn man sich entsprechend dick anzieht geht das. Die linke Hand bekam einen dauerhaften Handschuh. Bei der rechten Hand wurde dieser zur besseren Bedienung der Kamera immer wieder abgezogen. Wehte ein starker Wind, war diese schon nach wenigen Minuten kalt und steif und mußte durch Wiederanziehen des Handschuhs oder in der Jackentasche erstmal wieder aufgewärmt werden. Aber es hat viel Spass gemacht. Und es ist schon ein besonderes Erlebnis, in der Nähe des Wohnortes eine arktische Welt zu erleben.


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An diesem Ort, nördlich von Kiel,
entstanden die meisten Fotos der "arktischen Schneeberge"


Ein Problem war, daß es nicht viel sonnige Tage gab, wo man abends das schon erwähnte Glühen der Eislandschaft bewundern konnte. Schließlich konnte man jeden Abend nur an einem Ort sein! Obwohl der Dauerfrost über zwei Monate anhielt, war aufgrund der geringen Zahl sonniger klarer Tage diese Zeit doch einfach zu kurz, so daß ich nicht jeden der geplanten Orte im Abendlicht aufsuchen und ablichten konnte. Aber auch wolkige oder trübe Tage wurden genutzt. Sogar nachts probierte ich an abgelegenen Stellen Aufnahmen von Schneestrukturen und -haufen mit Blitzlicht und im Scheinwerferlicht des Fahrzeuges, was recht eindrucksvolle Fotos ergab.

Auch das Fahren bei diesen Bedingungen war recht unproblematisch. Mit Frontantrieb und Winterreifen ist das alles kein Problem, zumal die Landschaft hier auch sehr flach ist. Natürlich geht alles etwas langsamer. Aufpassen muß man nur bei Schneeverwehungen. Mit der Zeit entwickelt man aber ein Gefühl dafür, wann und wo man auf ungeräumten Straßen noch weiterfahren kann und wann nicht mehr. So bin ich an einigen späten Abenden mit stürmischen Nordostwinden und starken Schneeverwehungen auf einigen Straßen außerhalb der Stadt umgekehrt und die längere aber geräumte Hauptstrecke zurückgefahren. Leider verschätzen sich einige immer wieder, fahren einfach weiter und bleiben dann stecken! Auf jeden Fall sollte man immer eine Schaufel im Fahrzeug dabei haben!

Während der Fahrten lief fast nur eine CD: "Antarctica" von Vangelis. Besonders "Antarctic Echoes" läßt einen förmlich in die polare Schnee- und Eiswelt eindringen.


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An diesem Ort zwischen Altenholz und Rathmannsdorf
entstanden viele Fotos die aussehen wie arktische Ebenen


Und welche Kamera wurde benutzt? Ich arbeite auch heute noch mit einer kleinen kompakten Digitalkamera, der Panasonic DMZ-LZ1, da mir für etwas besseres wie eine digitale Spiegelreflex als Geringverdiener momentan das Geld fehlt. Die kompakte Digitalkamera tut es aber auch, nur die nervigen Vignettierungen sind ein Graus. Eine Korrektur mittels eines mit der gleichen Kamera gemachten Weissbildes ist auch nicht so zufriedenstellend, da hier meist die äußersten Bildecken überkorrigiert d. h. wiederum zu hell werden, was sich besonders bei wenig strukturierten Flächen wie Schnee und Himmel sehr störend bemerkbar macht. So schneide ich oftmals einen großen Ausschnitt von etwa 80 Prozent aus der Bildmitte heraus, wenn das Motiv es zuläßt. Allerdings empfinde ich besonders bei Aufnahmen im schwachen Licht das Rauschen der Kamera als ein wenig störend.


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In der Umgebung des Leuchtturm Bülk
entstanden die meisten Eisfotos


Im Februar und März 2010 habe ich aus den Mengen der entstandenen Fotos die besten herausgesucht und damit eine Fotogalerie aufgebaut. Dies war praktisch meine Beschäftigung während des langen Winters 2010. Und immer wieder gingen die Gedanken zu "Antarctic Echoes" und zu den im Abendlicht leuchtenden Schneeweiten und dem Wintersternenhimmel. Und es läßt einen kaum wieder los...

Im Februar 2010 ließ ich weiterhin die Negative von meinen Fotos der großen Eiswand vom Februar 1986 in einem Digitallabor in hochwertiger Qualität einscannen und habe sie in diese Fotogalerie eingefügt. Weiterhin habe ich in dieser Zeit aus dem Internet auch eine Menge Fotos von den Polargebieten gesammelt und dadurch einen einen guten Eindruck bekommen, wie es dort aussieht.

Ende November 2010 bis Anfang Januar 2011 gab es nochmals eine Periode mit langem Dauerfrost und einer hohen Schneedecke mit Schneeverwehungen. In dieser Zeit machte ich wieder einige Fotos im Polarstil. Am 28. Dezember 2010 entdeckte ich an einem sonnigen und klaren Tag auf einer Tour nördlich von Strande ein weiteres, bis zum Horizont reichendes, baumfreies Feld. Hier entstanden eindrucksvolle Fotos der tiefstehenden Wintersonne über einer scheinbar unendlichen Schneeweite.


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Dezember 2012 - wieder ein kalter Winter!
Hier Fotos im Polarstil nördlich von Strande


Im Februar 2012 gab es wieder eine kalte Periode mit Dauerfrost und es entstanden weitere Fotos. Im Oktober 2012 entschloss ich mich, in die Fotogalerie auch Fotos mit aufzunehmen, welche "normale" Winterlandschaften mit Bäumen usw. zeigen. Im Dezember 2012 konnte ich während einer weiteren winterlichen Periode an einigen sonnigen Tagen viele eindrucksvolle Winterfotos machen.

Diese Fotogalerie werde ich weiterführen und ergänzen, sofern Zeit dazu ist. Ganz klar bevorzuge ich sonnige Tage mit klarem Himmel, wo der Schnee abends anfängt zu leuchten.

Die Kälte ist natürlich ein Problem, aber wenn man sich entsprechend warm einpackt, geht das. Und wenn man einmal in diese Eiswelt eingedrungen ist, kommt man kaum wieder davon los und wird versuchen, sie in jedem Winter immer wieder zurückzugewinnen...


© Copyright: 2010-2016 Mario Lehwald